Keine falsche Bescheidenheit

Körbitz Ulrike, Graz
vom 11.01.2006

Liebe KollegInnen vom PSZ!

Kurz vor Weihnachten fand ich – hocherfreut - die letzte JOURNAL-Doppel- bzw. Dreifachnummer zum Morgenthaler Kongress in meinem Postkasten, kurz darauf, zu Jahresbeginn, nun einen besorgten Brief der Redaktion – die Freude bekam einen ordentlichen Dämpfer. Der brieflichen Einladung zur betreffenden JOURNAL-Forumsveranstaltung werde ich nicht nachkommen können. Deshalb diese schriftliche Stellungnahme aus Graz/Österreich: Eure Entscheidung, das JOURNAL 1. von der Insider-Zeitschrift für PSZ-Mitglieder und Interessierte (wie mich) zur eigenständigen Publikation reifen zu lassen und 2. jedem Heft einen thematischen Schwerpunkt zu verleihen fand ich zeitgemäß und wichtig. Letzteres ist überaus arbeitsaufwändig. Die einzelnen Nummern haben sehr an Dichte gewonnen, das Suchen und Finden von Beiträgen gestaltet sich einfacher usw. Das Wesentlichste scheint mir jedoch in einer hiermit verknüpfbaren politischen Dimension zu liegen: Das PSZ als ‚andere’ psychoanalytische Institution tritt hiermit kontinuierlicher, vernehmbarer als bisher aus dem deutsch-schweizer Sprach-Raum heraus. Die Bedeutung dessen, so stelle ich mir vor, könnte für Euch aus diesem Innenraum heraus - in dem das PSZ mittlerweile organisch gut verankert scheint – gelegentlich in Frage stehen. Die Organisation der psychoanalytischen Lehre und Ausbildung ist – vermutlich – einzigartig in mittlerweile ganz Europa. Zugleich ist die Existenz eines PSZ nichteinmal in deutschsprachigen Ländern besonders bekannt.

Wie man/frau denn ohne Aufnahmegespräche, strenge Curricula, vorgeschriebene Stundenkontingente, staatlich zugelassene LehranalytikerInnen, permanente Kontrolle, Abschlußverfahren etc. Analytiker werden soll, scheint in gesetzlich geregelten Zeiten wie diesen für Psychoanalytiker-Gehirne sämtlicher Richtungen einigermassen undenkbar, kaum mehr phantasierbar geworden zu sein. Und AnalytikerInnen scheinen aus dem PSZ allemal ‚herauszukommen’ - nichteinmal die Dümmsten, wie der breit gefächerte, von lebendigen Denk-Kulturen zeugende wissenschaftliche Output zeigt.

Seid Ihr – neben allen internen Quereleien – nicht stolz auf Eure Errungeschaft? Oder seid Ihr so selbst-genügsam, dass Euch Eure erst seit kurzem nach ‚Aussen’ gerichtete, regelmässig erscheinende, deutschsprachige Publikation überflüssig erscheint? Sollte die Kosten-Nutzenrechnung nicht stimmen, wären meiner Ansicht nach Verlagswechsel und bessere, offensive Werbung eher zu überlegen als beispielsweise die Sparvariante einer ‚fliegenden’ Publikation im Internet (die zusätzlich als Diskussionsforum durchaus Sinn machen können). Persönlich bin ich übrigens gerne bereit, mich an Werbemaßnahmen mehr als bisher zu beteiligen.

Zum Vergleich für Euch: Das in Österreich seit 20 Jahren existierende „WERKBLATT. Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik“ hat keinerlei finanzkräftige psychoanalytische Institution (mehr) im Hintergrund, erscheint zweimal jährlich, wird von zwei (!) nebenamtlich-tätigen, schlecht bezahlten Redakteuren getragen und bilanziert bei ca. 480 AbonnentInnen (darunter einige weinige Förderer...) halbwegs ausgeglichen. Ohne Verlag.

Euer Morgenthaler-Kongreß hatte für mein Gefühl – bis auf die ausschliesslich bundesdeutschen Hauptreferenten - etwas beachtlich Unbescheidenes. In diesem Sinne wünsche ich Eurem Diskussionsprozeß: Keine falsche Bescheidenheit! Und der JOURNALredaktion an dieser Stelle herzlichen Dank für ihre, insbesonders mit dem letzten Heft verbundene, vermutlich: teuflische Arbeit!

Mit ermutigenden Grüssen von
Ulrike Körbitz