Heim Robert, Frankfurt
vom 16.01.2006
Vielleicht gibt es einmal eine Zeit, da eine psychoanalytische Institution mehr an ihren Tagesgeschäften, weniger an ihren Visionen und Illusionen beurteilt wird. Zu den Geschäften des Tages gehören die Geheim- und Mitschriften des einzelnen Analytikers, die verschrifteten, chiffrierten und offenen Zeugnisse seiner Arbeit. Es werden immer materielle oder fiktive Tagebücher geführt, die den Umfang von Stundenprotokollen weit übersteigen. Es werden also Journale verfasst.
Das JOURNAL ist ein fast schon historisch zu nennendes Zeugnis des PSZ. Deswegen darf man dessen bewegte, demnächst ja 30jährige Geschichte auch an diesem Schriftstück messen. Mit Befremden erfahre ich, dass dieses Zeugnis nun von der ökonomischen Unerbittlichkeit des Rotstifts bedroht ist. Oder gar sein ideeller Nutzen angezweifelt wird. Bekanntlich luxurieren die Triebe immer dann am meisten, wenn die Herrschaft des ökonomischen Prinzips unvermeidlich wird. Es gab einst ein "Journal des Luxus und der Moden", natürlich, wenn ich mich nicht täusche, längst eingegangen. Das JOURNAL des PSZ hat verschiedene Moden überlebt, kennt inzwischen mindestens vier Redaktionsgenerationen und scheint nun seinerseits zu einem Luxus geworden zu sein. In psychoanalytischen Ausbildungsinstituten des deutschsprachigen Raums gibt es jedenfalls kaum ein publizistisches Erzeugnis, das die letzten 25 Jahre mit dieser grosszügigen Hartnäckigkeit überstanden hat.
Gerade deswegen darf es weder - schlimm genug - ausgedünnt noch - am schlimmsten - digitalisiert und dem Mythos Internet ausgeliefert werden. Kostbare Objekte haben sich schon immer den Kreisläufen des ökonomischen Tausches entzogen. Ihr Wert steigt in dem Masse, wie die Herrschaft der Ökonomie globalisiert wird und sie zu unveräusserlichen Objekten werden. Die Verteidigung des JOURNALS in diesem kostbaren Doppelsinn ist gleichsam antizyklisch, und wie die Wirtschaftsgeschichte zeigt, ist dies zuweilen die geeignete Methode, um Produktivität und Wachstum zu sichern.
Natürlich ist diese Wertsteigerung auch eine innere und sehr persönliche. Immerhin aber weiss ich, wovon ich spreche: Ich war selbst zwischen 1982 und 1989 Mitglied der JOURNAL-Redaktion und habe dessen Entwicklung seit seinen Ursprüngen verfolgt. Hier mitzuarbeiten war für mich eine ebenso kostbare Zeit, auf die ich mit gebotener Distanz, aber mit gerührter Erinnerung zurückblicke. Den Effort der jetzigen Redaktion kann ich nur bewundern. Aus unserem Manufactum der 1980er Jahre ist ein professionalisiertes Produkt geworden, das beispielsweise in der Zeitschriftenabteilung der umfangreichsten psychoanalytischen Fachbibliothek weit und breit, am Frankfurter Sigmund-Freud-Institut, zu den Beständen gehört. (Und nebenbei vermerkt: Das Frankfurter Psychoanalytische Institut musste das Experiment eines eigenen internen Forums und Bulletins, als welche das JOURNAL ja einst auch gedacht war, nach wenigen Jahren einstellen.)
Niemand will natürlich verleugnen, dass psychoanalytische Fachzeitschriften in der Krise sind. Das JOURNAL hat seinen Schritt auf den freien Markt dieser Zeitschriften noch nicht lange hinter sich und wird hier im Kampf um Anerkennung und Aufmerksamkeit seine Erfahrungen machen müssen. Seine Stärke auf dem freien Markt aber wird die Freiheit eines methodischen und intellektuellen Pluralismus sein, der keine Bindungen an Vereine, Verbände und Schulen hat. Diese Stärke hat offenkundig ihren Preis, sie aber nach kurzer Zeit empfindlich zu schwächen, scheint mir für die Zukunft des PSZ einigermassen kurzsichtig. Ich kann nur hoffen, dass das JOURNAL in dieser Form und Erscheinungsweise weiterhin vom PSZ getragen und ihm wie seiner Redaktion der nötige zeitliche und finanzielle Entwicklungsspielraum zugemutet wird. Symbolisches Kapital sollte nie mit den Ellen des ökonomischen gemessen werden.
Mit meinen besten kollegialen Grüssen aus Frankfurt
Robert Heim
PS Ein Postscriptum ist eine Nachschrift, etwas nach der Schrift. Die Schrift ist bekanntlich der erste Erinnerungsträger. Heute sagt man ja eher "Speichermedium". Keine Erinnerung ist untrüglich, aber mein Gedächtnis müsste mich doch schwer täuschen. Eine noch persönlichere Nachbemerkung also: Ich meine mich zu erinnern, dass ich eines sommerlichen Samstagnachmittags Mitte der 80er Jahre - in den damaligen Räumen von Frau Bünzli hinten links an der Quellenstrasse, wir waren eben dabei, eine neue Nummer fertig zu stellen - den Schriftzug, den das JOURNAL noch heute führt, mit Abreibebuchstaben gesetzt zu haben. In den ersten 1980er Jahren war dieser Titelzug ähnlich, aber noch nicht derselbe wie heute. Handarbeit eben. Deswegen die Rede von Manufactum vorhin. In Deutschland wirbt das noble und erfolgreiche Versandhaus gleichen Namens eines ehemaligen grünen Aktivisten mit der Devise: "Es gibt sie noch, die guten Dinge." Warum sollte es also auch das JOURNAL nicht noch lange geben? Encore - oder etwa nicht?