Call for Papers

JOURNAL FÜR PSYCHOANALYSE, Heft 64

Ich unter Druck

«Die Anstrengung, das Ich zusammenzuhalten, haftet dem Ich auf allen Stufen an, und stets war die Lockung, es zu verlieren, mit der blinden Entschlossenheit zu seiner Erhaltung ge-paart.»

Was Horkheimer und Adorno in der «Dialektik der Aufklärung» (1944, S. 40) für die Herausbil-dung eines bürgerlichen Subjekts gesellschaftskritisch anwenden, ist strukturell bereits in Freuds bald 100-jähriger Schrift «Das Ich und das Es» (1923) und in den Neuen Vorlesungen für die psychische Persönlichkeit (1933) beschrieben: Drei Zwingherren – die Aussenwelt, das Über-Ich und das Es – fordern den Tribut des Ichs als «Anstrengungen, (…) ihnen gleichzeitig gerecht zu werden, (…) ihnen gleichzeitig zu gehorchen» (S. 514).

Zeitdiagnostisch scheint es aktueller denn je, eine Dynamik zu skizzieren, mit der sich Indivi-duen konfrontiert sehen. Das Ich steht heute in einem Spannungsfeld vieler äusserer Einflüsse, die hohe Anpassungsleistungen erfordern und einen Zwang ausüben, sich verorten zu müssen. Spezifisch für unsere Zeit sind dies durch die digitale Welt beschleunigte Massenphänomene und globale Entwicklungen.
Als Beispiele lassen sich auf der persönlichen Ebene Trends der (körperlichen) Selbstoptimie-rung und -inszenierung anführen, auf gesellschaftlicher Ebene Debatten um Einschluss/Aus-schluss durch politisch korrekte Sprache. Als klinische Phänomene fallen der Identifizierungs-druck für junge Menschen durch virtuelle Verführungen und eine Verunsicherung durch Gen-derfragen auf. Neben Neugier und Faszination sind auch Verunsicherung, Unbehagen und Ängste vor Entfremdung, Isolation und Bindungslosigkeit zu beobachten. Die Fragen «wer bin ich und wer will ich sein» stellen sich mit neuer Dringlichkeit.

Wir laden zur kritischen Auseinandersetzung ein: Inwiefern kann die Psychoanalyse dazu bei-tragen, sozio-kulturelle Phänomene und Trends zu verstehen und zu hinterfragen? Kann sie sich den Strömungen entziehen, müsste sie gegen den Strom schwimmen, wird sie selbst von Trends erfasst? Gehört dies zu ihrer lebendigen Erneuerung, oder braucht sie die kritisch-re-flexive Distanz? Wir freuen uns auf Ihre klinischen Fallvignetten, theoretischen Reflexionen und Forschungsergebnisse aus unterschiedlichen (sozial-)wissenschaftlichen Perspektiven.

Für die Zusammenstellung eines vielfältigen Heftes erbitten wir Themenvorschläge als Abstract (max. 2‘000 Zeichen inkl. Leerzeichen) bis 28. Februar 2022 an: journal[at]psychoanalyse-zuerich.ch

Die Redaktion behält sich vor, eine Auswahl zu treffen. Eingabefrist für die Beiträge ist 31. Oktober 2022 (max. 35‘000 Zeichen inkl. Leerzeichen). Das Heft erscheint im Sommer 2023.

Weitere Informationen und die Schreibanleitung des Journals finden sich unter Beitragseinreichung.

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Call for Papers, Heft 64