Editorial

  • Gregor Busslinger
  • Thomas Merki
  • Emilio Modena
  • Markus Weilenmann

Abstract

Liebe LeserInnen,

Sie halten ein altes und zugleich neues Produkt in den Händen. Bald nach der Neugründung des Psychoanalytischen Seminars Zürich (PSZ) 1977 hat sich eine Gruppe konstituiert, die eine Zeitschrift machen wollte. Die Teilnehmerversammlung (TV) gab grünes Licht, und so entstand die Hauszeitschrift »Journal«, die seitdem mehr oder weniger kontinuierlich zwei Mal jährlich erschien. Sie wurde in erster Linie von den TeilnehmerInnen selbst gelesen (früher an die 700, heute noch an die 500), so wie von wenigen anderen Interessierten im In- und Ausland. Die letzte Nummer des »Journals« erschien nach längerer Pause im Wintersemester 2002/03. Das Projekt war in der angestammten Form in eine Krise geraten. Eine neue Gruppe fand sich, die das alte Journal modernisieren und professionalisieren wollte. Eine neue Formel wurde gefunden: Das PSZ bleibt Herausgeber, das Heft erscheint aber neu im Taschenbuch-Format im Psychosozial-Verlag. Die Redaktionsgruppe (Gregor Busslinger, Thomas Merki, Emilio Modena, Markus Weilenmann) arbeitet weiterhin kollektiv und ist der TV gegenüber verantwortlich, die Seminarleitung (SL) begleitet die Gruppe (Vera Saller, Claudio Raveane), und schließlich ist ein Koordinator bestellt worden, der letztlich die Herausgabe garantiert (Emilio Modena). Markus Weilenmann, der schon viele Jahre in der alten Redaktionsgruppe gearbeitet hat, stellt die Tradition sicher. Gregor Busslinger und Thomas Merki als die Jüngeren stehen für das Neue.

Wir sind alle davon überzeugt, dass das PSZ – das letztes Jahr sein 25jähriges Jubiläum hätte feiern können – nach wie vor ein sehr lebendiges und kreatives Gebilde ist. Was da gedacht und experimentiert wird, verdient gewiss das Interesse einer größeren Öffentlichkeit, allein schon in Bezug auf seine nach wie vor geübte Selbstverwaltung (keine Aufnahme- und Abschluss-Rituale, keine formalisierten Hierarchien, alle Macht bei der TV, welche die SL und die Ressort-Gruppen wählt). Infolge seiner Offenheit und seiner basisdemokratischen Struktur konnte im PSZ auch in der psychoanalytischen Theorie und Praxis von keiner Gruppe eine unité de doctrine durchgesetzt werden; die Gründergeneration von 1977 – die sich mehrheitlich in der Tradition der Parins und Fritz Morgenthalers und der ganzen historischen Gründergruppe aus den 50er Jahren kritisch an der Ich-Psychologie und an der Ethnopsychoanalyse orientierte – ist heute minoritär. Das Interesse der neueren Generationen von PsychoanalytikerInnen richtet sich mehr nach Frankreich und Großbritannien, so dass eine spannende Diskussion zwischen den mehr an Klein und Bion, den mehr an Lacan oder Laplanche orientierten KollegInnen und den Vertretern der Ethnopsychoanalyse und einer immer noch marxistisch inspirierten »kritischen Psychoanalyse« im Gange ist. Zu diesem Ringen um eine neue, zeitgemäße Psychoanalyse gehören auch die Stimmen unserer jüngeren Brüder und Schwestern, der Psychoanalytischen Seminarien Bern, Basel und Luzern.

Das »Journal für Psychoanalyse« versteht sich als Organ der TV und das heißt, als Spiegel der am PSZ real existierenden Bewegung; natürlich ist dieser Spiegel weder blind noch flach. Wir wollen vielmehr die uns am wichtigsten erscheinenden Phänomene beleuchten und in den Brennpunkt nehmen, um sie zu befördern. So werden wir Schwerpunkthefte machen, die sich auf möglichst hohem Niveau an den Auseinandersetzungen in Zürich orientieren, aber auch die internationalen Einflüsse und Entwicklungen reflektieren. Dabei ist uns die frühere Vernetzungsbewegung und ihre Weiterungen besonders wichtig, in die das PSZ nach wie vor eingebettet ist. In jedem Heft wird darüber hinaus ein Forum-Teil Platz bieten für Kurzfutter aller Art: Leserbriefe, Rezensionen, Kongresshinweise, Veranstaltungen. – Erscheinungsdaten sind Mitte Oktober und Mitte Mai. Die bis jetzt festgelegten Schwerpunkte sind für 2004 die Psychoanalyse in Zürich und die neue Vernetzungsbewegung (darunter die »Generalstände« – »États Généraux de la Psychanalyse«, deren zweiter Weltkongress dieser Tage in Rio de Janeiro stattfindet), für 2005 Freud/Klein/Lacan-Schnittstellen und Ethnopsychoanalyse.

Das vorliegende Heft beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit dem Setting und übernimmt mehrere Vorträge (diejenigen von Stefan Erne, Vera Saller, Rony Weissberg, Rudolf Heinz) aus dem von einer Arbeitsgruppe erarbeiteten Vortragszyklus zum »Rahmen« im Wintersemester 2002/03. Sie werden freilich durch zwei Stimmen kontrapunktiert, die einer älteren Generation angehören: Emilio Modena versucht die Setting-Diskussion in Zürich seit den 70er Jahren zu reflektieren und auf den Begriff zu bringen, Rosemarie Petruschkat gibt Auskunft über ihr Lebenswerk, der Tradierung des Kleinschen Denkens in Zürich, und spitzt es in Bezug auf das Setting zu. Das Heft beginnt jedoch passend/unpassend mit einem Reprint einer sozusagen klassischen und heute vergriffenen Züricher Arbeit, mit »Der Weg ist das Ziel« von Arno von Blarer und Irene Brogle. Der von ihnen entwickelte Begriff des »konkreten, optimal strukturierten psychoanalytischen Feldes« hat in den 70er Jahren den Reigen eröffnet, der sich mit der zeitgemäßen Frage nach der im Einzelfall jeweils richtigen und notwendigen Settingkonstruktion wieder schließt.

Leider weilt Arno von Blarer nicht mehr unter uns. Und noch zwei weitere Weggenossen hat die Freudsche Linke zu betrauern: Johannes Cremerius und Alfred Lorenzer. So beginnt der Forum-Teil mit Nachrufen. Helmut Dahmer erinnert sich an Lorenzer und Beate Koch ehrt von Blarer. Zum Tod von Johannes Cremerius hat Emilio Modena in der TV eine Würdigung vorgetragen, die in unserem Bruder/Schwester-Blatt in Salzburg, dem »Werkblatt«, schon vor Jahresfrist erschienen ist (sie wird hier nicht mehr nachgedruckt). Nach der Trauer das Leben: Es folgt eine Reihe von Rezensionen von brandaktuellen Publikationen aus dem Teilnehmerkreis des PSZ, deren Spannweite von den »Koordinaten der Männlichkeit« (Liliane Berna), einem Standardwerk über Migrationsfragen (Daniel Stutz), einem Buch über Ethnopsychoanalyse heute (Thomas Marty) bis zum »Deuten der Psychoanalyse« (Eric Winkler) und dem Versuch ihrer Veränderung reicht (Johann Schülein).

Wir danken der TV des PSZ für ihr Vertrauen, so wie allen MitarbeiterInnen für ihren Einsatz und vor allem Traute Hensch und Vera Kalusche für ihre stets kompetente redaktionelle Begleitung, Christof Röhl, der die Graphik des Heftes entworfen hat, Ulrike Körbitz für das Umschlagsbild und Hans-Jürgen Wirth vom Psychosozial-Verlag als risikofreudigen Verleger für seine fortwährende verständnisvolle Unterstützung und wünschen eine angenehme Lektüre.

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Veröffentlicht
2001-12-01
Zitationsvorschlag
Busslinger, G., Merki, T., Modena, E., & Weilenmann, M. (2001). Editorial. Journal für Psychoanalyse, (41). https://doi.org/10.18754/jfp.41.1
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