Editorial

  • Markus Weilenmann

Abstract

Auch dieses Heft greift ein Kernanliegen der Psychoanalyse auf, nämlich das der internationalen Vernetzung. Schon früh hat Freud die Notwendigkeit der Vernetzung erkannt und auf eine internationale Institutionalisierung von psychoanalytischer Forschung und Lehre hingearbeitet. Bis zum heutigen Tag verbindet sich damit eine überaus spannende, wechselvolle, aber auch spannungsgeladene Geschichte, die scheinbar fast zwangsläufig auf Probleme im Umgang mit Macht, Politik, Moral und Berufsethik hinausläuft. Die Geschichten, von denen in dieser Bestandesaufnahme die Rede ist, handeln von neueren Vernetzungsversuchen wie etwa dem der Generalstände (États Généraux de la Psychanalyse), vom steten Hadern mit der Institutionalisierung von Psychoanalyse in Europa, vom Weiterspinnen des „Plattform“-Gedankens in Lateinamerika, vom politischen Missbrauch der Psychoanalyse im Krieg, sowie vom steten Kampf politisch denkender Psychoanalytiker um gesellschaftspolitische Relevanz. Zugleich spinnen die Autoren Grundgedanken der Vernetzungsbewegung der 80er Jahre fort und gehen auf länderspezifische Entwicklungen ein, die selbstverständlich mit der jeweiligen Kultur der Gesundheitsversorgung zu tun haben. Die Komplexität dieser vielschichtigen Prozesse hat Isidro Fernandez, selber Psychoanalytiker in Spanien, in einem sehr ausdruckstarken Titelbild zusammengefasst.

Während der Lektüre der verschiedenen Beiträge, die alle zugleich auch wichtige Facetten der Abspaltungsgeschichte des PSZ von der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse beleuchten, ist mir immer wieder eine Parabel von Heinrich Popitz (1968) in den Sinn gekommen. Sie berichtet von Prozessen der Machtbildung und handelt von einem Schiff, das im östlichen Mittelmeer kreuzt. Der offenbar einzige Luxus waren einige Liegestühle. Anerkannten die ständig wechselnden Passagiere anfänglich keine Belegsymbole, womit ein begrenztes Gebrauchsgut weiterhin allen zur Verfügung stand, so wechselte das Szenario nach dem Auslaufen aus einem der Häfen. Die Neuankömmlinge beriefen sich auf ein gemeinsames Konzept alternativer Ordnungsvorstellungen und leiteten daraus einen dauerhaften Besitzanspruch ab. Seine Durchsetzung gelang dank einem gemeinsamen Kraftaufwand aller Auch-Besitzer: „Näherte man sich einem gerade freien Liegestuhl in irgend verdächtiger Weise, so wurde man durch Posen, Gesten und Geschrei der Auch-Besitzer zurückgewiesen. Die Abschreckungsaktionen waren so eindrucksvoll, dass ein handgreiflicher Konflikt (ausblieb) (...). (Schliesslich schoben) die Besitzenden ihre Liegestühle näher aneinander, (sodass sie) wehrhaften Wagenburgen glichen.

Nach der Durchsetzung exklusiver Verfügungsgewalten einer Teilgruppe über ein allgemein begehrtes Gebrauchsgut bekam das Sammelsurium der Passagiere Struktur. Zwei Klassen hatten sich etabliert, Besitzende und Nicht-Besitzende, positiv und negativ Privilegierte. (...) Der nächste Schritt (war) die zeitweilige Vermietung der Liegestühle an einige Nicht-Besitzer. Als Gegenwert kamen neben Naturalien vor allem Dienstleistungen in Frage, und hier wiederum in erster Linie die Übernahme der Wächterfunktion. Die Delegation des Wächteramtes an einige Nichtbesitzende (brachte aber) nicht nur eine Entlastung der Besitzenden, sie führte auch zu einer weiteren Bereicherung des inneren Gefüges, das sich nun dreiteilig entfalten konnte (...). Damit (wurde) zugleich eine wesentliche Klärung erreicht: Die Nur-Besitzlosen sind von nun an aus freien Stücken und eigenem Verschulden in der schlechtesten Lage (...).“ Selbstverständlich geht die Geschichte auch bei Popitz weiter. Er versucht anhand dieser Parabel die überlegene Organisationsfähigkeit der Privilegierten darzulegen, die sich aus ihrer positiven Selbstinterpretation ergibt. Während diese sich kraft „wohlerworbener Rechte“ als zu Recht privilegiert erachten, bestreiten ihre Kontrahenten gerade dieses Privileg, selbstverständlich ohne es für sich selbst zu beanspruchen. Damit berauben sie sich aber gerade desjenigen Gutes, das sie organisationsfähig machen würde. Stattdessen droht ihnen ein permanentes Verharren in der einfachen Negation.

Einige der Artikel sind aus der bitteren Erfahrung heraus geschrieben, die ein solches Verhaltensmuster in psychoanalytischen Gesellschaften immer wieder erzeugt. Zu denken ist namentlich an die ohnmächtige Wut im Umgang mit der institutionalisierten Lehranalyse. Noch immer beruft sich eine kleine Elite auf moralische Erwägungen, um den vertieften Einblick in die Lebensgeschichten Dritter machtpolitisch auszubeuten, indem sie sich ein Urteil über den Charakter des potentiellen Kandidaten anmasst und so den Widerspruch aus den eigenen Reihen möglichst zum Voraus verbannt. Immer öfter wird aber auch der Ausschluss des Politischen aus der Vermittlung der psychoanalytischen Erfahrung beklagt, der dann im Kleide wilder Agiererei wiederkehrt. So finden sich die so Verbannten in neuen Netzwerken wieder, wo das bunte Treiben um die Liegestühle scheinbar wieder von vorne beginnt. Ja gibt es denn keinen Ausweg aus diesem Circulus vitiosus, so möchte man fragen? Wohl nur das geistreiche Erzählen und Nachdenken über Prozesse zu wagen, die so oder ähnlich auch unsere Vorfahren schon beschäftigt haben. Dazu und zum Weiterspinnen solcher Gedanken bietet dieses Heft Hand.

Markus Weilenmann

 

 

Literatur

Popitz, Heinrich (1968): Prozesse der Machbildung. Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck),
Reihe Recht und Staat, Heft 362/363

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Veröffentlicht
2004-12-01
Zitationsvorschlag
Weilenmann, M. (2004). Editorial. Journal für Psychoanalyse, (43). https://doi.org/10.18754/jfp.43.1
Rubrik
Editorial