Editorial

  • Gabrielle Stoll
  • Claudio Raveane

Abstract

Liebe Leserin, lieber Leser,

Das PSZ kann auf eine beständige Lehrtradition zur psychoanalytischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zurückblicken, die bis in die Siebzigerjahre zurückreicht. Zwar führte die Kinderanlayse zur Gründungszeit des Seminars noch eine eher randständige Existenz und wurde lediglich von einigen wenigen, wie Jacques Berna oder Pedro Grosz, vertreten. Berna sollte später nach Hamburg auswandern und dort den holländischen Kinder- und Jugendpsychiater Sjef Teuns kennenlernen. Um diesen und Bianca Gordon, einer Londoner Kinderanalytikerin, die ihrerseits auf Veranlassung von Sjef Teuns nach Zürich eingeladen worden war, entwickelte sich im Laufe der Jahre eine stetig wachsende Gruppe von AnalytikerInnen, welche die psychoanalytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie kontinuierlich förderten und lehrten. Heute ist die aus diesen Entwicklungen hervorgegangene «Ressortgruppe Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie am PSZ» in der Lage, eine schweizweit einzigartige Weiterbildung in dieser Arbeit anzubieten (siehe: www.psychoanalyse-zuerich.ch). Drei der fünf Autoren sind aktuell Mitglieder der Ressortgruppe: Daniel Bischof, Egon Garstick und Jürgen Grieser. Sie gestalten daher das Kursangebot der laufenden Weiterbildung wesentlich mit. Im vorliegenden Heft ergreifen sie die Gelegenheit, die gegenwärtige Arbeit von Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytikern des PSZ mit Kindern und Jugendlichen im Praxisalltag vorzustellen sowie einen Einblick in deren theoretische Reflexion zu vermitteln. Es ist der Autoren Ziel darlegen zu können, wie unter verschiedenen theoretischen Aspekten, die alle dem psychoanalytischen Verständnis zuzuordnen sind, in der Praxis gearbeitet wird. Dabei liegt ihnen daran zu verdeutlichen, dass die Umsetzung des analytischen Denkens in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in äußerst vielfältiger Form stattfindet und den für KinderanalytikerInnen so vertrauten Gedanken zu veranschaulichen, dass Psychoanalyse im Kern als Entwicklungsprozess zu verstehen ist. Anhand kleinerer oder ausführlicherer Auszüge aus Behandlungsverläufen reflektieren ihre Abhandlungen psychoanalytische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und veranschaulichen ein mögliches theoretisches Verstehen davon.

Alle Texte reflektieren Besonderheiten der kinderanalytischen Arbeit: Kinder suchen nie auf eigenen Wunsch eine Behandlung auf. Sie werden gebracht von Eltern oder anderen Dritten, die aus eigener Motivation, Not oder unter Druck (von Schulen oder Behörden) handeln. Vereinfachend lässt sich formulieren: die analytische Arbeit mit Kindern geht nur so weit, wie Eltern dies zulassen können. Kinderanalyse und Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen ist also immer eine Arbeit in einem hoch komplexen Umfeld mit einer besonderen Dynamik zwischen innerer und äußerer Welt.

Jürgen Grieser bietet uns in seinem Artikel «Angehörige und andere Dritte in der Psychotherapie» eine metapsychologische Reflexion dessen, was der Einbezug von Eltern oder eben auch anderer Dritter in die Behandlung bedeutet. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Tatsache, dass Kinderanalyse immer die Arbeit in einem hochkomplexen Setting bedeutet, in welchem von Beginn an die Frage, wie mit dem Dritten umgegangen werden soll, gestellt werden muss. Der damit eingeleitete Prozess der Triangulierung im therapeutischen Raum gewinnt symbolischen Charakter und vorbildhafte Funktion für den Patienten und seine Entwicklung. Dieser Prozess verlangt vom Analytiker eine hohe triadische Kompetenz. Ausgehend von der Tatsache, dass in jeder Behandlung, auch in derjenigen von Erwachsenen der oder das Dritte in Erscheinung treten und somit zwangsläufig früher oder später Einfluss auf den Verlauf einer Behandlung nehmen wird, entwickelt der Autor den Gedanken, die Familie als inneres Referenzsystem des Therapeuten zu sehen. Verschiedene Implikationen dieser Sichtweise werden im Text diskutiert.

In der Elternschaftstherapie hat die Arbeit mit den Eltern das größte Gewicht und steht im Zentrum der therapeutischen Überlegungen. Elternschaftstherapie impliziert die grosse Abhängigkeit des Säuglings bzw. des Kleinkindes vom Familiensystem und fokussiert sich auf die Behandlung der Familienentwicklung. Egon Garstick führt uns in seinem Text, anhand zweier Beispiele, mitten in diese psychoanalytische Arbeit, die stark vom Gedanken der Prävention geprägt ist. Zentrales Paradigma ist dabei die psychoanalytische Entwicklungstheorie. Gesellschaftliches und kulturpolitisches Engagement des Autors führten zu einem intensiven Interesse an den frühen Prozessen in jungen Familien und zu einer erhöhten Sensibilisierung für die zahlreichen Störungen, denen diese Familien in der zeitgenössichen Gesellschaft ausgesetzt sind. Was wir in diesem Text anhand der mitreißenden Falldarstellungen an konkretem therapeutischem Handeln erfahren, wird auch im Text von Jürgen Grieser theoretisch reflektiert.

Der Artikel von Anita Garstick-Straumann «Schwierige Übergänge. Peter und Nicole, zwei Fallbeispiele» versetzt uns ins Zentrum des therapeutischen Geschehens in den Behandlungen eines Latenzkindes und eines Kindergartenkindes. Dabei treten die Besonderheiten des analytischen Arbeitens mit Kindern, die Haltung der Therapeutin dem Kind gegenüber und ihre Einstellung zum Geschehen deutlich hervor. In diesem Text sehen wir eindrücklich, dass die psychoanalytische Arbeit mit Kindern nicht einfach Übertragung der psychoanalytischen Arbeit mit Erwachsenen auf Kinder ist, sondern vielmehr eine besondere, der Erwachsenenanalyse gleichrangige, Anwendung der Psychoanalyse darstellt, die zwar auf dieselben Methoden zur Erkenntnisgewinnung setzt, sich aber im Hinblick auf das konkrete Setting, den Behandlungsraum, die Aktivität des Therapeuten, der Therapeutin deutlich unterscheidet. Die Darstellung der Behandlungsverläufe «Peter, der ängstliche Pilot» und «Nicole» verdeutlichen den spezifischen Umgang mit dem Spiel, dem zentralen Medium der Kinderanalyse, bei dem die Grundprinzipien der psychoanalytischen Technik, freie Assoziation des Patienten, Gleichschwebende Aufmerksamkeit der Analytikerin und Abstinenz, genauso verfolgt werden wie in der Erwachsenenanalyse.

Daniel Bischof stellt in seinem Artikel «Über integrative Prozesse in der Psychoanalyse von Kindern und Jugendlichen» die technische Grundfrage nach der Möglichkeit therapeutischen Arbeitens mit Kindern und Jugendlichen ganz grundsätzlich: «Seit den Anfängen wurde speziell hinsichtlich der Kinder- und Jugendlichenpsychoanalyse die Frage gestellt, ob es überhaupt moralisch vertretbar und pädagogisch richtig sei, das Kind oder den Jugendlichen mit seiner inneren Welt zu konfrontieren». Anhand einer anschaulich bebilderten Darstellung eines Therapieabschnittes aus der Behandlung eines 12-jährigen «Schlangenbeschwörers» führt uns Daniel Bischof in minutiösen gedanklichen Schritten zur Hypothese, wonach der Kern psychoanalytischer Arbeit mit Kindern über den Prozess der Deutung hinaus reichen muss und es auch darum geht, dem Patienten durch den analytischen Dialog zu helfen, bedrohliche Selbstanteile in seine Persönlichkeit zu integrieren. Dabei wird das analytische Setting als Ressource verstanden, die es dem Analytiker erlaubt, auch in schwierigen Situationen seinen Denkraum zu erhalten oder wieder zu erlangen und damit die haltende Funktion (containing) dem Patienten gegenüber beibehalten zu können und dadurch Integrationsprozesse zu ermöglichen.

Maria Teresa Diez Grieser schliesslich, präsentiert uns eine Synthese aus ihrer langjährigen klinischen Erfahrung in eigener psychoanalytischer Praxis und der Auseinandersetzung mit den zahlreichen Untersuchungen und Publikationen zu adoleszenten Entwicklungsthemen. Sie formuliert ihre eigene Theorie, die besagt, dass bulimische Symptome bei adoleszenten Jugendlichen vorübergehend kreative Strategien zur Stabilisierung des Selbstbildes der eigenen krisengeschüttelten adoleszenten Entwicklung darstellen können. In bedachten Schritten legt sie dar, welche Funktionen die bulimische Symptomatik in der Adoleszenz übernehmen kann, um die Affektregulierung zu erleichtern. Die Fallvignetten illustrieren zum einen die Besonderheiten der analytischen Arbeit mit Adoleszenten überhaupt und zum anderen die Implikationen der erarbeiteten theoretischen Überlegungen in der konkreten therapeutischen Situation.

Ergänzt werden die Beiträge der Ressortgruppe durch einen Artikel von Thomas von Salis zu Sjef Teuns und dessen für das PSZ so bedeutenden Einsatz sowie einem Interview von Emilio Modena mit Pedro Grosz, Ruedi Zollinger und Edi Ruggle, drei namhaften psychoanalytischen Kinder- und Jugendtherapeuten, welche die diesbezüglichen Entwicklungen in der deutschsprachigen Schweiz über die letzten vier Jahrzehnte hin miterlebt, mitgestaltet und mitgeprägt haben.

Im Forum informiert uns Fernanda Pedrina sachkundig über die spannenden und wissenswerten Entwicklungen im Bereich des psychotherapeutischen Arbeitens mit Säuglingen und Kleinkindern. Elisabeth von Salis orientiert uns über die Geschichte und die gegenwärtigen Tätigkeiten der psychoanalytisch orientierten sozialpädagogischen «Beratungsstelle Pinocchio», bevor uns Mary Spreng mit einer anschaulichen Fallgeschichte, Einblick in ihre von Sjef Teuns supervidierte Arbeit mit einem körperlich behinderten Kind nehmen lässt. Zwei Präsentationen – die eine von Roland Müller zur Weiterbildung in psychoanalytisch-systemischer Psychotherapie für Kinder, Jugendliche und Familien am Institut KJF in Luzern, die andere des «Forums junge Psychoanalyse» zu den Aktivitäten des Nachwuchses am PSZ – runden nebst vier Buchrezensionen zu den aktuellen Publikationen unserer Seminarmitglieder dieses lesenswerte Heft ab.

Erst nach Redaktionsschluss erreichte uns die schmerzliche Nachricht über das Ableben zweier langjähriger Teilnehmer des PSZ. Es sind dies Hans Hehlen, dessen Berthold Rothschild in einem Nachruf gedenkt und der weit über Zürich hinaus bekannt gewordene Träger des Sigmund-Freud-Preises der Stadt Wien, Ehrendoktor der Universität Klagenfurt, Mitbegründer des PSZ und der Ethnopsychoanalyse, Paul Parin. Roland Kaufhold würdigt das facettenreiche Leben und Wirken dieser zentralen Identifikationsfigur, die Paul Parin für mehrere Generationen von PsychoanalytikerInnen am PSZ und darüber hinaus gewesen ist, in einem ebensolchen Nachruf, den er uns verdankenswerter Weise sehr kurzfristig zur Verfügung stellen konnte.

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Veröffentlicht
2010-12-01
Zitationsvorschlag
Stoll, G., & Raveane, C. (2010). Editorial. Journal für Psychoanalyse, (50). https://doi.org/10.18754/jfp.50.1