Editorial

  • Julia Braun
  • Eric Winkler

Abstract

Im März letzten Jahres wandte sich Vera Saller mit dem Vorschlag an die Journal-Redaktion, ein ganzes Heft dem amerikanischen Philosophen, Mathematiker und Zeichentheoretiker Charles Sanders Peirce zu widmen. Saller setzt sich seit Jahren mit dem Werk von Peirce auseinander, schreibt und forscht über ihn – und steht in ständigem Austausch mit der Peirce-Society in den USA. Sie überzeugte uns Mitglieder der Redaktion davon, dass es zwischen dem Denken Peirce’ und der Psychoanalyse interessante Bezüge gibt, die es lohnend machen, sich mit diesem eigenwilligen Denker auseinanderzusetzen. So beschlossen wir, das Wagnis einzugehen – und nahmen Vera Saller gleich auch noch in unser Redaktionsteam auf.

Für diese Peirce-Nummer hat Vera Saller einen Targetartikel verfasst, auf den fünf ReplikantInnen antworten. Gewonnen werden konnten Eugen Baer aus Geneva N.?Y., Bonnie Litowitz aus Chicago, Wolfgang Mertens aus München sowie Christian Hauser und Mirna Würgler aus Zürich. Die Reaktionen dieser fünf Autoren auf die Arbeit von Vera Saller fallen ganz unterschiedlich aus. Während Baer und Hauser sich eher mit dem Philosophen Peirce auseinandersetzen, stellen Litowitz und Mertens die Bezüge zur Psychoanalyse in den Mittelpunkt ihrer Repliken; Würgler wiederum lässt sich zu überraschenden Gedanken über das Entstehen des Denkens inspirieren, die einen unweigerlich an Freuds «Totem und Tabu» denken lassen.

Die Vielfältigkeit der Reaktionen auf die Gedanken von Peirce setzt sich in den weiteren Beiträgen zum Schwerpunktthema fort: Vincent Colapietro macht sich in seiner Grundsatzarbeit aus dem Jahre 1995 Gedanken darüber, wie die Theorie von Peirce für die Psychoanalyse fruchtbar gemacht werden kann und beschäftigt sich dabei vor allem mit dem Begriff des Unbewussten; und während Rosmarie Barwinski Peirce’ Zeichentheorie dazu nutzt, sich Überlegungen zur Gegenübertragung, also zur klinischen Arbeit zu machen, lässt sich Milan Scheidegger zu Gedanken zum Themenkreis «Psychoanalyse und Neurowissenschaften» inspirieren.

Diese Mannigfaltigkeit hängt wohl nicht zuletzt damit zusammen, dass es etwas Irritierendes hat, sich als PsychoanalytikerIn auf Peirce einzulassen. Neben scheinbar grossen Ähnlichkeiten blitzt immer wieder Fremdes auf. Aber gehört nicht seit jeher das Irritierende zur Psychoanalyse? Jedenfalls hoffen wir, dass sich unsere LeserInnen verführen lassen, sich mit der Irritation Peirce auseinanderzusetzen – und dass wir damit interessante Denkanstösse vermitteln können.

Erfreulicherweise waren im vergangenen Jahr viele Neuerscheinungen von PsychoanalytikerInnen aus Zürich zu verzeichnen – so viele, dass es den Rahmen unseres Heftes gesprengt hätte, über jede eine Rezension zu publizieren. Wir haben deshalb die Anzahl Rezensionen beschränkt und für die weiteren Angebote die neue Form der Kurzrezension geschaffen.

Julia Braun und Eric Winkler
für die Journal-Redaktion

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Veröffentlicht
2014-12-10
Zitationsvorschlag
Braun, J., & Winkler, E. (2014). Editorial. Journal für Psychoanalyse, (55). https://doi.org/10.18754/jfp.55.1