EDITORIAL

  • Nicole Burgermeister
  • Katrin Herot
  • André Richter
  • Veronica Baud
  • Ralf Binswanger

Abstract

Die Idee zu diesem Heft ist im Rahmen von Traumseminaren entstanden, die vom Sommersemester 2015 bis Sommersemester 2016 unter der Leitung von Ralf Binswanger am Psychoanalytischen Seminar Zürich durchgeführt wurden. Eine Gruppe von Kursteilnehmer_innen konnte den Kursleiter davon überzeugen, die dort stattfindende Arbeit mit Träumen zu dokumentieren und somit zu tradieren. Ein wichtiges Anliegen war dabei, auch künftige Generationen von PSZ-Teilnehmer_innen für die Durchführung von Traumseminaren zu motivieren und ihnen ein Grundlagenwissen über die dafür notwendigen «Werkzeuge» zu vermitteln. Im Verlauf entwickelte sich die Idee, eine ganze Journal-Nummer zur klinischen Arbeit mit Träumen zu gestalten. Das Ergebnis dieser Bemühungen liegt nun mit diesem Heft vor. Begleitet wurde das Projekt von der Journal-Redaktion, die der Idee gegenüber offen und interessiert war und das Vorhaben tatkräftig unterstützte. Dafür danken wir herzlich.

Seit seiner Gründung waren am PSZ immer wieder Traumseminare angeboten worden, zunächst von Fritz Morgenthaler, später von Ralf Binswanger, Reimut Reiche, Maria Steiner Fahrni, Regula Weiss und Regula Schiess, teilweise über mehrere Semester hinweg. Wie Gespräche mit den an den Traumseminaren teilnehmenden Psychoanalytiker_innen zeigten, wurde die in einer Gruppe stattfindende Auseinandersetzung mit von Patient_innen stammenden Träumen immer wieder als grosse Bereicherung für die eigene Arbeit erlebt. Doch leider sind die Hemmungen vieler Analytiker_innen, selbst Traumseminare zu leiten, gross. Dass dies nicht so sein müsste, zeigte sich zum Beispiel in Ralf Binswangers Seminar

«Traumseminare leiten» beim Kongress zum zwanzigsten Todestag von Fritz Morgenthaler 2005 in Zürich. Dort erlebten zwei Teilnehmer_innen eindrücklich, wie sie in der Leiter_innenrolle auf Anhieb mit einer ihr fremden Gruppe erfolgreich eigene Hypothesen entwickeln und einbringen konnten. Wir hoffen, mit dieser Ausgabe des Journal für Psychoanalyse weiteren Analytiker_innen Mut zu machen, Traumseminare anzubieten und zu leiten.

Der Band enthält Beiträge von Psychonalytiker_innen des PSZ und seines Umfeldes sowie von weiteren mit Träumen arbeitenden Autor_innen aus dem In- und Ausland. Wichtig war uns, ein breites Spektrum an Möglichkeiten abzubilden um aufzuzeigen, wie klinisch tätige Psychoanalytiker_innen mit Träumen arbeiten. Das Heft wird eröffnet mit dem Text von Andreas Hamburger, welcher Morgenthalers Zugang zum Traum in einen grösseren historischen Zusammenhang stellt. Beginnend mit den Wegen und Irrwegen von Freud selber zeichnet er die Entwicklung der Auffassungen zum Traum von einem Einpersonen- zu einem Zweipersonenkonzept facettenreich nach. Dabei gelingt es ihm, die Verdienste und die problematischen Seiten der historischen Beiträge in konstruktiv-kritischer Weise zu einem roten Faden zu spinnen, der u. a. über das Werk von Thea Bauriedl zu einer beziehungsanalytischen Auffassung der Traumbearbeitung führt. Dadurch erschliesst sich scheinbar wie von selbst der Zusammenhang von Morgenthalers Ansatz mit wichtigen historischen Entwicklungen der Psychoanalyse.

Der Beitrag von Michael Ermann (später im Heft) hebt insbesondere die Arbeit mit Patient_innen hervor, die frühe Störungen und strukturelle Defizite aufweisen. Deren Träume würden die Affektivität und das Befinden unverhüllt zum Ausdruck bringen, weshalb sie keiner weiteren Interpretation bedürften. Damit entfiele auch die Trennung zwischen manifestem und latentem Traum, wie sie Freud bei der Entwicklung seiner Traumtheorien anhand neurotischer Patient_innen für wesentlich hielt.

Die Auffassung Ermanns hat eine Analogie zu Freuds Auffassung von Kinderträumen, bei denen die Wunscherfüllung unverhüllt zum Ausdruck käme. Hans Hopf bringt diesbezüglich eine neue Perspektive ein, indem er unter anderem auf die frühe Symbolisierungsfähigkeit von Kindern hinweist. In Anlehnung an Morgenthaler rät er, für die Deutungsarbeit nicht bei den Inhalten des Kindertraums stehen zu bleiben, vor allem nicht bei seinen angeblichen Beschränkungen, sondern nach der Tendenz in der Dynamik eines Traums zu suchen.

In drei weiteren Beiträgen wird das Material aus den oben erwähnten, 2015–2016 am PSZ durchgeführten Traumseminaren verarbeitet:

Der Werkstattbericht von Katrin Herot, Nicole Burgermeister, André Richter, Veronica Baud und Ralf Binswanger, die auch die Gastredaktion dieser Ausgabe des Journals bilden, soll – entsprechend den oben formulierten Anliegen – Interessierten anhand von Traumbeispielen einen Einblick ermöglichen, wie Traumseminare  funktionieren.

Auch der Beitrag von Ralf Binswanger und Jeannette Widmer ist im Rahmen der oben genannten Traumseminare entstanden. Die Autorin und der Autor setzen sich dabei mit einer Situation auseinander, in welcher einem Widerstand des Seminarleiters – und insbesondere der nachträglichen Reflexion darüber durch den Seminarleiter und die Gruppe – eine zentrale Bedeutung zukam.

Auf Initiative von Lutz Wittmann ist ein Vergleich zwischen den Ergebnissen eines Traumseminars nach Morgenthaler und einer Auswertung des gleichen Traums mit dem von Ulrich Moser und Ilka von Zeppelin initiierten Zurich Dream Process Coding System (ZDPCS) versucht worden. Das mag gewagt wirken, denn die beiden Methoden entstammen völlig unterschiedlichen Praxiszusammenhängen: Die eine wird in der klinischen Weiterbildung anhand von Einzelfällen angewendet, die andere dient der Operationalisierung von Traumberichten für statistisch- wissenschaftliche Zwecke. Der Vergleich erscheint uns trotzdem legitim, weil das ZDPCS unseres Wissens die einzige der vielen existierenden Rating- und Codierungsmethoden ist, die explizit auf psychoanalytischer Grundlage entwickelt wurde. Die konsequente Fokussierung und Beschränkung des ZDPCS auf formale und strukturelle Gesichtspunkte bildet eine solide Brücke zu Morgenthalers Ansatz. Die Arbeit von Hanspeter Mathys fokussiert Morgenthalers Auffassung, dass Träume nicht einfach mitgeteilt, sondern erzählend agiert werden. Am Beispiel einer Vignette aus der publizierten umfangreichen Einzelfallstudie «Amalie X» macht er deutlich, wie es infolge dieser Auffassung möglich ist, Hypothesen über die unbewusste Dynamik zwischen Analysandin und Analytiker zu bilden, welche beiden sonst unbewusst geblieben wären. Unseres Erachtens radikalisiert er damit in der Praxis, was er in der Theorie relativiert: Die strikte konzeptionelle Trennung zwischen dem, was in einer konkreten Situation bewusst ist und was nicht. Morgenthaler wäre begeistert gewesen.

Maria Steiner Fahrni zeigt uns in ihrem Beitrag in sehr persönlicher Weise auf, wie die therapeutische Arbeit mit Träumen massgeblich von neueren theoretischen Entwicklungen in der Psychoanalyse beeinflusst werden kann. Über die Technik des «phänomenologischen Eintauchens» führt sie uns in ihre Position des aktiven intersubjektiven Interesses ein. Morgenthaler sei es zu verdanken, dass neben den expliziten Ausdrucksformen der Sprache auch implizites Geschehen in der therapeutischen Situation zur Interpretation der Trauminhalte herangezogen würde. Bezugnehmend auf aktuelle Theorien aus der Entwicklungsforschung und anhand eines ausführlichen Fallbeispiels werden Aspekte des interpersonellen Erlebens, insbesondere der Wahrnehmung und des Gedächtnisses und deren Auswirkungen auf den therapeutischen Umgang im Hier und Jetzt betrachtet.

Rony Weissberg und Martha Stähelin gehen in ihrem Beitrag der Frage nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der Arbeit mit Träumen bei Morgenthaler und bei lacanianisch arbeitenden Psychoanalytiker_innen nach. Dazu führten sie Gespräche mit in Paris tätigen Kolleg_innen und geben anhand von zwei Interviews, die sie mit Gisèle Chaboudez und Jean-Gérard Bursztein geführt haben, Einblicke in deren Arbeit mit Träumen. Daran kritisch anknüpfend und mit Bezugnahme auf die von Morgenthaler als so wesentlich dargestellte «emotionale Bewegung» zwischen Analytiker_in und Analysand_in, setzen sich Autor und Autorin mit der Bedeutung der Übertragung in der klinischen Arbeit mit dem Traum auseinander. An dieser Stelle sei noch eine Bemerkung zu Grammatik und Geschlechterfrage angefügt: Wie bereits in der letzten Ausgabe des Journal werden Sie auch in diesem Heft feststellen, dass die Schreibweise uneinheitlich ist. Während die Journal-Redaktion den Autorinnen und Autoren vorschlägt, feminine und maskuline Formen abzuwechseln, hat sich die Gastredaktion entschieden, in ihren Texten den “Gender-Gap” (Psychoanalytiker_innen) zu verwenden, um auf der sprachlichen Ebene einen Raum zu öffnen für eine Alternative zu binären Vorstellungen von Geschlecht.

Nun hoffen wir, Ihnen, liebe Leser_innen, Lust und Mut zur weiteren klinischen Auseinandersetzung mit Träumen gemacht zu haben und wünschen Ihnen bei der Lektüre viel Vergnügen!

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Veröffentlicht
2017-08-04
Zitationsvorschlag
Burgermeister, N., Herot, K., Richter, A., Baud, V., & Binswanger, R. (2017). EDITORIAL. Journal für Psychoanalyse, (58). https://doi.org/10.18754/jfp.58.1
Rubrik
Editorial