Let's map the gap

viz.psz-jubilaeum.ch

Helena Hermann (Zürich), Tamara Lewin (Zürich) und
Fidel Thomet (Berlin)


Zusammenfassung: Für die Jubiläumsveranstaltung des PSZ am 23. September 2017 wurde die App "Let's map the gap" entwickelt, vor Ort benutzt und als interaktive Datenvisualisierung präsentiert. Alle Interessierten waren eingeladen unter einem Pseudonym Kurzstatements zur Psychoanalyse oder zum PSZ online zu veröffentlichen, in Form einer prägnanten persönlichen Meinung, Vorstellung oder Erfahrung, sowie die Posts anderer Benutzer*innen zu bewerten. Anhand eines Algorithmus wurden die Posts kontinuierlich verlinkt, geclustered und in einer dynamisch wachsenden Visualisierung abgebildet, in der die Verortung der eigenen und der anderen Posts, Verdichtungen und Differenzen nachvollzogen werden konnten.



«Dieses Posten geht mir auf den Geist!», ruft dieSuggestion in den Aether. Verführung, Neutralität und Deutung stimmen ihr zu und kommen ihr dadurch nahe. «Was soll dieser Post?», denken hingegen Wunsch, Tagtraum und Verneinung, sie zeigen sich ablehnend, markieren ihre Differenz und positionieren sich somit in grösserer Distanz zur Suggestion. Zusammen mit anderen befinden sie sich im selben virtuellen Raum. Sie loggten sich ein, nachdem sie sich für die Jubiläumsveranstaltung des PSZ am Empfang angemeldet, am Nebentisch von jungen Kolleg*innen einen goldenen Beutel hingestreckt bekommen und daraus aus dem Fundus psychoanalytischer Begriffe ihr Pseudonym und Eingangsticket in die virtuelle Welt des PSZ gezogen hatten. Sodann waren sie aufgefordert, eine zufällige Auswahl von Posts, die Kolleg*innen bereits eingeworfen hatten, zu mögen oder abzulehnen. Es gab nur das Eine oder das Andere: Zustimmung oder Ablehnung, kein Dazwischen, womit die einen - teils vertraut mit Tinder & Co. - bestens klar kamen, die anderen in einen scheinbar schweren moralischen Konflikt gerieten und ihr Pseudonym prinzipientreu mit augenzwinkernder Empörung oder doch mit aufrichtigem Ernst gleich wieder in den Beutel zurücklegten. Für die anderen gab es kein Entrinnen davor, nach dem Bewerten auch eigene Posts zu formulieren, zunächst mit Hilfe von bestehenden Sätzen zum Ergänzen und dann nur noch in freier Assoziation.

In der Schwärze des virtuellen Raumes erstrahlten die Teilnehmenden mit ihren Pseudonymen. Ihre Posts wuchsen allmählich zu gelb über orange bis rot glänzenden Punkten heran, die über Linien mit ihren Schöpfer*innen als auch Rezensent*innen verbunden waren. Die Bewertungen bestimmten die Farbe und Grösse der Posts und ihren räumlichen Kurs. Zustimmung erzeugte Nähe und Ablehnung Distanz zwischen den Teilnehmenden und den durch sie bewerteten Posts, womit diejenigen Teilnehmenden mit einer ähnlichen Haltungen zueinander rückten respektive sich von Andersdenkenden entfernten (Abbildung 1).

Viele nahmen teil, aber nur wenige waren so richtig aktiv. «Psychoanalyse darf nie etwas für Auserwählte sein», meinen die Lebenstriebe. Dennoch, die meisten blieben an den dunklen Rändern. Psychoanalytiker*in zu sein sei ja auch ein «Schattenberuf», sagt der Kompromiss. In der Mitte des virtuellen Geschehens kamen also bloss diejenigen zu stehen, die aktiv gepostet und bewertet hatten, umso grösser wurde auch ihr Glorienschein. Nicht grundlos fordert daher die Grundregel: «Weniger Narzissten am PSZ!» Eine Forderung, der sich die Suggestion anschliesst: «Psychoanalytiker/innen sollten sich hie und da ein bisschen weniger wichtig nehmen.» Und doch findet der Grenzfall, wäre es für das PSZ die grösste Schande, unbemerkt zu verschwinden. Eine gute Psychoanalytiker*in sei ja auch eine, die sich immer wieder exponiert, pflichtet der Konflikt bei. Aus dem Schattendasein aufgetaucht, findet denn auch der Kompromiss: «Psychoanalytikerin wird, wer mutig ist», Psychoanalyse sei ein «gewagter Schritt ins Offene». Ins Schwarze? Über die Ränder hinweg? Oder wie die Aphanisis findet: «Die Psychoanalyse darf auch über den Tellerrand gucken.» Gerade dann wird sie schön - die Psychoanalyse - «wenn sie über sich hinausgeht, an ihre Ränder sozusagen und in anderen Settings fruchtbar wird», denkt dieWiedergutmachung. Stellung bezieht auch endlich mal die Neutralität: «Das PSZ sollte aufhören, nur im eigenen Saft zu schwimmen.» Da setzt dann auch die Phantasie ein: «Für mich ist Psychoanalyse schön, wenn sie sexuell bleibt.» Und auch die Objektlibido «hätte es gerne wilder am PSZ». Klar schaltet sich spätestens da die Neurose ein: «Psychoanalyse muss effektiv und nachhaltig sein.» Da hält die Liebe entgegen: «Die Psychoanalyse ist oft etwas unpraktisch.» Und etwas vehementer auch die Gegenbesetzung: «Psychoanalyse muss aufrütteln.» Einen Vermittlungsversuch unternimmt der strahlende Kompromiss - sein Glorienschein ist fast unübertrefflich: «PSZ-Teilnehmer*innen sind Genussmenschen mit Vorbehalt.» «Eine gefährliche Methode», kann das Triebschicksal nur noch schluchzen. Auch andere blasen Trübsal und klagen: «Psychoanalyse muss ihre gesellschaftspolitischen Grenzen anerkennen» (Enactment), «Das PSZ sollte endlich aufhören, Teilnehmerversammlungen in dieser Form durchzuführen, sie erinnern ans Sterben» (Grenzfall), «Das PSZ als ‹gut genuge› Heimat des mysteriösen Rests»(Entstellung). Und selbstverständlich der Kompromiss: «Das PSZ stirbt aus», nur noch übertroffen durch den Nihilismus der Deckerinnerung: «Die Psychoanalyse gibt es gar nicht.» Sich sparsam gebend meldet sich dann endlich auch die Deutung zu Wort: «Hoffentlich weiter provokativ.» Zu guter Letzt ein wenig Balsam - wenn auch rar gesät - «Das PSZ ist keine Pfeife» (Material), «BFF» (Sekundärvorgang), «Open PSZ!» (Wunsch) und die Paranoia: «Ich liebe das PSZ trotzdem.» Wir auch! Go online: viz.psz-jubilaeum.ch


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Journal für Psychoanalyse | ISSN 1613-4702 | e-ISSN 2297-878X