Josef Zwi Guggenheim, Michael Hampe, Peter Schneider und Daniel Strassberg (Hrsg.): Im Medium des Unbewussten: Zur Theorie der Psychoanalyse

(Kohlhammer, Stuttgart, 2016)


Eric Winkler (Zürich)


Ein Psychoanalytiker überweist seine junge Tochter einem befreundeten Analytiker zur Behandlung. Diese gab sich im Erstgespräch trotzig und meinte, sie sei nur auf Wunsch ihres Vaters da. Der Analytiker antwortete mit der Frage, ob sie denn immer mache, was ihr Vater sage, worauf die überraschte junge Frau sich für eine Behandlung bei ihm entschied. Diese anekdotische Geschichte kam mir in den Sinn, als ich in Medium des Unbewussten: Zur Theorie der Psychoanalyse die Stelle las, wo die Autoren ein besonderes Element erwähnen

… das theoretisch unterbelichtet bleibt: Die Entscheidung des Patienten. Ob sich ein Patient seinem Begehren stellt und sein Phantasma aufgibt, liegt nicht allein in der Hand des Therapeuten. Trotz aller Hilfe, die er in der Analyse bekommen kann, bleibt ein Moment der autonomen Entscheidung erhalten. (Guggenheim et al., 2016, S. 164)

Besagtes «unterbelichtetes Element», das ja auf einen bewussten Vorgang, den Entscheid nämlich, sich einer Behandlung zu unterziehen hinweist, wird ausgerechnet in diesem Werk genannt, das das Unbewusste zum Thema macht.

Dieser schmale, aber gehaltvolle (um nicht zu sagen nahrhafte) Band hat einen besonderen Anspruch. Darauf macht schon die Tatsache aufmerksam, dass es sich um ein Gemeinschaftswerk von Psychoanalytikern und Philosophen handelt. Und der Titel: «Im Medium des Unbewussten» - was wohl ist mit Medium gemeint? - Offenbar gerade nicht das, was man annehmen könnte, etwas im Zusammenhang mit Informationsübertragung, sondern:

Unter Medium verstehen wir (…) nicht in erster Linie ein Mittel der Informationsübertragung, sondern einen Kontext der Sichtbarmachung - bestehend aus Modell und Präparation für dieses Modell: So wie das Färbmedium die Organellen in der Zelle sichtbar machen, lässt die Annahme des Unbewussten verborgenen Sinn erkennen. (…) Das Unbewusste ist (…) ein Medium, das «psychische Dinge» oder «Akte» sicht- und verstehbar macht. (Guggenheim et al., 2016, S. 49 f., Hervorhebung im Original)

Eine Annahme also - hier die Annahme des Unbewussten - als Medium der Sichtbarmachung und damit der Erkenntnis gleichsam. Auf diesen originellen Gedanken muss man erst kommen! Und er ist nicht der einzige in diesem Werk, das einen umfänglichen Teil seines Inhalts der Frage nach der Wissenschaftlichkeit der Psychoanalyse widmet.

Einen weiteren überraschenden Gedanken übernehmen die Autoren vom englischen Historiker John Forrester, der «auf die strukturelle Ähnlichkeit von Klatsch und der psychoanalytischen Situation aufmerksam» gemacht habe. Laut Forrester bestehen «(…) [b]eide Kommunikations-situationen aus (…) weitgehend unzensierten Erzählungen über sich und andere» (S. 83). Guggenheim, Hampe, Schneider und Strassberg erweitern aber die Thesen Forresters zu einer eigentlichen Theorie des Klatsches, dem sie als sogenanntes «Abfallwissen» eine «für die Kohärenz der wissenschaftlichen Gemeinschaft (…) wie auch für den Fortschritt der Theorie» (S. 84) entscheidende Funktion zusprechen.

Interessant ist auch der Vergleich mit der Rechtswissenschaft: «Die Psychoanalyse bedient sich ‹allgemeiner› Fälle wie die Jurisprudenz der Rechtsfälle …» - ja, sie sei (hier wieder einen Gedanken des Historikers Forrester aufnehmend) ein «in Fällen Denken» - und sie stelle, wie die Jurisprudenz auch, «nie eine Prognose». Nach dieser Feststellung werfen die Autoren die Frage auf, «warum es bei der Psychoanalyse als ein Zeichen von Unwissenschaftlichkeit angesehen wird, keine Voraussagen zu produzieren, bei der Jurisprudenz jedoch nicht» (S. 31).

So stösst man in diesem Buch immer wieder auf überraschende und zum Weiterdenken animierende Einfälle. Vielleicht am wenigsten überzeugt das Werk, wo explizit Klinisches zur Sprache kommt. So im Fallbeispiel, bei dem einem an Lacan-Lektüre geschulten Analytiker eine Deutung gelingt, nachdem er die in einem Traum vorkommenden Worte «ein Stein» anders hört, nämlich als «Einstein». Die Autoren meinen dazu: «Ohne jahrelanges Studium der Lacan'schen Theorie des Signifikanten wäre dem Analytiker die Idee, ein Stein durch Einstein zu ersetzen, nie gekommen» (S. 70) - womit sie der vorher entgegengetretenen Mystifizierung der Psychoanalyse Vorschub leisten und Freuds eigenes Interesse an genauem und «zersetzendem» Hinhören unterschlagen (ebenso wie die Tatsache, dass auch uns weniger an Lacan geschulten Analytikern ab und an solche Entdeckungen gelingen).

Vielleicht hängt dies mit einer kleinen Ungenauigkeit, wenn nicht gar eigentlichen Fehlleistung der Autoren zusammen: Im sechsten (von insgesamt sieben) Kapitel mit dem Titel Leid und Wahrheit, in dem es um «die Wahrheit in der Therapie (…) und in welchem Sinn von dieser Wahrheit die Verminderung von Leid erwartet werden kann» geht (S. 138), wird Freuds berühmte Bemerkung aus dem Nachwort Zur Frage der Laienanalyse zitiert: «In der Psychoanalyse bestand von Anfang an ein Junktim von Heilung und Forschung, … man konnte nicht behandeln, ohne etwas Neues zu erfahren, man gewann keine Aufklärung, ohne ihre wohltätige Wirkung zu erleben». Die Autoren fahren weiter fort: «Doch schon der Begriff des Junktims, des Jochs, macht deutlich, dass hier nicht zwei harmonisch sich bedingende Instanzen zusammengebracht werden» (S. 139). Nun gibt es zwar einen etymologischen Zusammenhang zwischen dem lateinischen jugum (Joch) und dem Wort Junctim (laut Duden: «Lat. ‹vereinigt›: wegen innerer Zusammengehörigkeit notwendige Verbindung zwischen zwei Verträgen od. Gesetzesvorlagen»); das berechtigt aber noch nicht dazu, sie gleichzusetzen - dies zu tun würde Freuds Diktum eine von ihm nicht beabsichtigte Bedeutung geben.

Auf der anderen Seite kann wohl nicht bestritten werden, dass an der Aussage, mit Heilen und Forschen «nicht zwei harmonisch sich bedingende Instanzen zusammengebracht werden», etwas dran ist - aber vielleicht ist es gerade diese Reibung, die unser psychoanalytisches Denken in Gang hält und vorantreibt - ein Denken, von dem dieses Buch ein wertvolles Zeugnis ablegt. Es sei darum allen am psychoanalytischen Denken Interessierten wärmstens empfohlen.

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Journal für Psychoanalyse | ISSN 1613-4702 | e-ISSN 2297-878X