Caroline Schlatter Wieland, 1952-2017


Anita Garstick-Straumann (Zürich)


Am 18. Mai 2017 ist eine warmherzige, vielseitig engagierte und facettenreiche Kollegin und Freundin gestorben: Caroline Schlatter Wieland. Sie war noch keine 65 Jahre alt und musste nun an ihrer Krebserkrankung, für ihre Freunde irgendwann erwartet, aber nun doch zu plötzlich, sterben. Sie war noch voller Lebenslust, Ideen und Pläne und hat bis zuletzt ihre Praxis weitergeführt.

Ich kannte Caroline vor allem privat. Wir sind uns während des Psychologiestudiums zum ersten Mal begegnet. Sie kam in mein Proseminar über Ich- und Identitätsentwicklung bei Gastarbeiterkindern und war sofort bereit, mit mir die Familien meiner ausländischen Schülerinnen zu besuchen, die ich damals als Brotjob, aber mit viel Idealismus, unterrichtete.

Dieses Mitgefühl mit Randgruppen, Unterdrückten und Migranten teilten wir. Bei Caroline zog sich das Interesse für Grenzüberschreitendes wie ein roter Faden durchs Leben. Sie leitete Jahre später am Psychoanalytischen Seminar Zürich (PSZ) Arbeitsgruppen und Seminarien zu den verschiedensten Ausformungen der Sexualität, beschäftigte sich mit männlicher und weiblicher Homosexualität bis hin zu Transsexualität-Transidentität (zusammen mit Nicole Burgermeister) und war lange Jahre Mitglied der Zürcher Fachstelle für Psychotraumatologie. Zuvor war sie auch in einer Supervisionsgruppe, die sich mit der Behandlung von Flüchtlingen beschäftigte. Auch die psychischen Auswirkungen bei Holocaust-Opfern und ihren Nachfahren standen in ihrem Interessens-Fokus.

Der verständnisvolle und unvoreingenommene Blick für psychische Andersartigkeit und Grenzüberschreitendes war sicher auch begründet in eigenen schmerzlichen Erfahrungen in ihrer Herkunftsfamilie. Caroline ging damit in einer seltenen Offenheit um.

Ein wichtiges Lebenselixier war für Caroline die Musik. Als ich sie kennenlernte, spielte sie sehr gut Klavier, ich Geige. Wir machten als Studentinnen eine Zeitlang Kammermusik zusammen, veranstalteten einmal sogar ein kleines Hauskonzert bei ihrer Tante. Viel später begann sie auch zu singen und war lange Jahre Mitglied im Psychor. Ich bedauerte immer, dass sie dabei das Klavier vernachlässigen musste.

Caroline war unsere Trauzeugin, später auch die Patin unseres Sohnes.

In der frühen Elternzeit, als auch ihr grosser Wunsch nach Familie in Erfüllung ging, verbrachten wir manche Ferien miteinander. Das Zusammensein mit ihr und ihrem um einiges älteren Mann George war meist sehr lustvoll und anregend. Wir tauschten uns über Literatur, Kunst und Politik aus, alles gewürzt mit sinnlichen Genüssen und viel Lachen über Witziges, zu dem auch George viel beitrug.

Sie war eine grosse Wünscherin und wollte manchmal an einem einzigen Ferientag so vieles gleichzeitig unternehmen, dass ich manchmal die Vertreterin des Realitätsprinzips sein musste, damit wir wenigstens einen Teil davon realisieren konnten und nicht alles im Chaos der Wünsche unterging. Wir kannten sie als handfest herzliche wie heftig streitbare und hartnäckige Person.

Unsere Gespräche mochten tiefsinnig oder leicht sein, aber ich vermied mit ihr das Thema Psychoanalyse eher, weil ich lange nicht wusste, wo sie diesbezüglich stand. Ich erkundigte mich nach ihrem Tod bei andern, wie und mit wem sie gearbeitet hatte.

Über sie als Therapeutin lasse ich lieber Peter Müller-Locher sprechen, der mit ihr von 2004 bis 2012 eine psychodynamische Fallkonferenz durchführte, wo er sie als empathische und differenzierte Psychotherapeutin kennengelernt hat. Dasselbe höre ich auch von anderen Kolleginnen.

Viele ihrer Freundinnen finden, dass sie eine grosse Begabung im Vernetzen der verschiedensten Menschen hatte, was ich unterschreiben kann. Überhaupt standen Freundschaft und Solidarität bei ihr an sehr hoher Stelle. Daneben war sie eine fürsorgliche Mutter und wusste ihre Freunde immer liebevoll zu beschenken. Ich erinnere mich, wie sie als Schwangere die Teilnehmerversammlung hier am PSZ leitete und Süssigkeiten für die Raucher mitbrachte, damit diese sich doch bitte bis zur Pause rauchfrei durchhangeln möchten … times are changing!

Als wir noch im Studium waren, durfte ich Caroline meinen frühkindlich geschädigten Jungkater 14 Tage in die Ferien geben, obwohl seine anale Inkontinenz, von der sie Kenntnis hatte, in der Zürichberg-Villa bleibende Spuren hinterliess. Dieses Geschenk von ihr hat auch bei mir bleibende Spuren hinterlassen.

Caroline hatte eine englische Mutter und sprach aus diesem Grund fliessend englisch. Ich bat sie deshalb, eine Arbeitsgruppe zu leiten, in der wir über einige Jahre englischsprachige psychoanalytische Literatur lasen.

Lange Jahre war Caroline eine kompetente Raterin in der «PAP-Studie ambulante Psychotherapie», welche die Wirksamkeitsfaktoren der verschiedensten therapeutischen Richtungen untersuchte. Leider beteiligte sich das PSZ nicht daran. Interessanterweise wurde die Studie zu einem grossen Teil von Volker Tschuschke geleitet, einem jetzt emeritierten Psychologie-Professor aus Köln, der zusammen mit Caroline unser Trauzeuge war. So kreuzen sich die Wege manchmal wieder.

Mein Verhältnis zu Caroline war kein ungebrochenes und man verzeihe mir meine subjektive Sicht. Die Lebensumstände, vielleicht auch Rivalität und Missverständnisse, spielten eine Rolle, dann war Caroline mal wieder weg oder bewegte sich in anderen Kreisen. Schon früher war sie plötzlich mal in Südamerika, und ich wusste vorher nichts davon. Aber in den letzten Jahren näherten wir uns wieder an. Ich bewunderte, wie sie mit den zwei Etappen ihrer Krankheit - die erste kam schon vor etwa 16 Jahren - umging: klar und gefasst, nicht verdrängend, aber auch nicht jammernd, aus meiner Sicht sehr reif. Im letzten Sommer waren wir bei ihnen zum Essen. Sie sagte: «Sprechen wir eine Viertelstunde über meine Krankheit, ich erzähle euch alles, aber dann möchte ich zu anderen Themen übergehen.» Ja, so war sie auch: Eine Frau, die vom Leben nicht verschont worden ist und es trotz allem sehr liebte. Vor ein paar Jahren ist ihr Sohn Danny in Südamerika schwer erkrankt, sein Leben hing lange Zeit an einem seidenen Faden. Es war schön, ihn bei der Abdankung von Caroline wieder gesund zu sehen, zusammen mit seiner bildhübschen Schwester Sarah-Maria, die schon immer etwas sehr Starkes ausstrahlte.

Der über 80-jährige George ist nun auf Reisen, besucht die vielen Orte eines langen Lebens, die in den letzten Jahrzehnten natürlich viel mit Caroline zu tun hatten. Und keiner hätte gedacht, dass sie vor ihm gehen muss.

Ich selber werde die Kamelie, die mir Caroline vor ein paar Jahren zu meinem 65. Geburtstag geschenkt hat und die bisher die Winter überstanden hat, nun noch sorgfältiger im Auge behalten, damit mich ihr englisches Rosa, ihre Frische und Zerbrechlichkeit, aber auch die starken Blätter, jedes Frühjahr wieder an Caroline erinnern.

30. Juni 2017

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Journal für Psychoanalyse | ISSN 1613-4702 | e-ISSN 2297-878X